Studienfahrt des Gesamtseminars nach Rom 2017

Es heißt, es gebe zwei Möglichkeiten, die Welt kennen zu lernen: Man mache entweder eine Weltreise oder man fahre nach Rom! Seit 30 Jahren fahren die Studienreferendarinnen und -referendare des Luitpold-Gymnasiums zum Abschluss ihrer Ausbildung in die Ewige Stadt. Die Grundidee dieser Studienfahrt ist es, ihnen anhand eines wohlüberlegten Programms die Stadt näherzubringen, deren kulturelle „Highlights“ wegen der seit mehr als 3000 Jahren ohne Unterbrechung andauernden Entwicklung einzigartig sind und durch die unsere jungen Lehrerinnen und Lehrer vielleicht selbst einmal Schülerinnen und Schüler führen sollen. Die Fahrt im Dezember 2017 war bestimmt eine der gelungensten unter den insgesamt 16 Fahrten, an denen ich teilnehmen durfte, was insbesondere an der außergewöhnlich guten Atmosphäre innerhalb der Gruppe und am außergewöhnlich großen Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer lag. Der folgende Beitrag, der anhand eines Tages (Donnerstag, 14. Dezember) einen zugegebenermaßen persönlichen Einblick in unseren Aufenthalt geben soll, ist deshalb auch als Hommage an das Seminar 2016/18 gedacht.

Was das Wetter angeht, haben wir schon fast alles erlebt während unserer Romfahrten, die immer im Dezember stattfanden: Studienreferendarinnen, die beim Mittagessen auf dem Campo de’ Fiori in Shorts und Tops mit Spaghettiträgern die frühlingshaft strahlende und wärmende Sonne genossen und dies die ganze Woche hätten tun können, hätte man sie gelassen; fast die ganze Woche über ununterbrochener Dauerregen und sich anschließendes Tiberhochwasser mit Booten, die sich vom Ufer losrissen und auf ihrem Weg flussabwärts an der Engelsbrücke hängen blieben; und Schneefall am Kolosseum. Zwei Konstanten waren, natürlich mit Ausnahmen, zu beobachten: mindestens einmal während des Aufenthaltes strahlend blauer Himmel über der Stadt und irgendeine ungemütliche Form von Regen während der Besichtigung des Forum Romanum. Dieses Jahr können wir uns bisher nicht beklagen. Von unserer Ankunft am Montag bis heute ist das Wetter wie für unsere Pläne geschaffen. Doch das soll nicht so bleiben, sagen die Referendarinnen und Referendare, die von Jahr zu Jahr auf Grund der immer zuverlässiger werdenden Wetter-Apps mit noch sichereren Informationen aufwarten können. Das hat zweifellos Vorteile, weil das Programm im Bedarfsfall angepasst und Verschiebungen leichter vorgenommen werden können. Es hat aber auch etwas von Hoffnungslosigkeit, wenn man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon im Voraus weiß, dass zwei Tage später ein diluvio, wie die Italiener den Starkregen mit biblischer Anspielung gerne nennen, über die Ewige Stadt hereinbrechen wird. Seit gestern gehen bei meiner Kollegin Frau Dr. Reutin-Hoffmann und mir die sinngemäß immer gleichen Wetter-Bulletins für Freitag ein. Nur Tonfall und Stil der Formulierungen sind je nach Überbringer der Hiobsbotschaft verschieden. Das Spektrum reicht von vorsichtig-dezent-schonend über bayerisch-deutlich bis hin zu intellektuell-verrätselt: „Frau Dr. Reutin … die Wettervorhersage … für Freitag … Sie wissen bestimmt schon … Sie haben sicher mitbekommen … die ist nicht so toll…Aber am Samstag ist dann alles wieder gut, für unseren letzten Tag…“ „Gell, Herr Rieger, des wissen’s fei scho, übermorgen, do werd’s uns sauber davo schwoam!“ Und: „Herr Rieger, am Freitag wird’s wie an der Decke Michelangelos in der Sixtina werden. Sie wissen schon: Das Fresko zwischen der Trunkenheit Noahs und dem Opfer Noahs!“ Beiderseitiges Schweigen. Die passende Antwort auf letztere Bemerkung, die mir ad hoc natürlich nicht eingefallen ist, wäre gewesen: „Da bin ich aber froh! Gott sei Dank nur die Sintflut und nicht das Jüngste Gericht!“ Noch ist es nicht soweit. Es sieht so aus, als ob nach der Besichtigung von San Clemente das Kolosseum sowie Forum Romanum und Palatin ohne größere Beeinträchtigung durch das Wetter vonstatten gehen können. Nur ganz kurz hat es genieselt, während ich die Eintrittskarten besorgte und die Gruppe dabei vor dem Kolosseum warten lassen musste. Nachdem es mir nach gut zwanzig Minuten Verhandlung endlich gelungen ist, den uns als Lehrern einer staatlichen Schule zustehenden Ticketpreis zu bekommen, der bei der obligatorischen Vorbestellung im Internet nicht buchbar war, hole ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und führe sie im Kolosseum nach oben, dorthin, wo im ersten Stockwerk unser üblicher Sonnenplatz hoffentlich auch dieses Mal wieder auf uns wartet. Im Umgang gibt es im Freien an einigen wenigen Stellen Stufen, die für unsere Gruppengröße gerade ausreichend sind und auf denen man im Sitzen entspannt zuhören oder eigenen Gedanken nachsinnen kann. Das ist hier durchaus wichtig, denn mein Vortrag zum Amphitheatrum Flavium erfolgt zur Abwechslung in lateinischer Sprache. Ich lasse also die Referendarinnen und Referendare, die das Angebot hörbar gerne annehmen, sich setzen – der Platz ist tatsächlich frei und trotz des kurzzeitigen Nieselregens trocken geblieben -, degradiere meine Kollegin zu meiner persönlichen Garderobiere, damit ich frei agieren kann, und warte, bis alle es sich bequem gemacht haben. Offenkundig einen Moment zu lange, denn eine ältere Dame, die rechts von mir Position bezogen hat, sagt zu mir: „Worauf warten Sie? Jetzt können Sie anfangen zu singen!“ Ich tue ihr den Gefallen nicht, sondern teile unserer Gruppe mit, dass ich zunächst die wichtigsten Informationen über das antike Bauwerk auf Lateinisch vermitteln möchte und dazu unterstützend eine Hörverstehensaufgabe vorbereitet habe, wie sie im Unterricht der modernen Fremdsprachen üblich sind, und dass ich im Anschluss nach der gemeinsamen Verbesserung auf Deutsch vertiefend etwas über die Architektur und die Hauptfunktion des Kolosseums als Ort der Gladiatorenspiele sowie über seine weitere Entwicklung und die heutige Nutzung sagen und gerne Fragen beantworten werde. Ich habe übrigens noch nicht damit begonnen, die „Arbeitsblätter“ zu verteilen, da ist die ältere Dame bereits verschwunden. Folgendes bekommt sie daher nicht mit:

 De Colosseo: Hörverstehen

(http://logica.uniroma3.it)

 

  1. Welche Macht wurde der Existenz des Kolosseums in der erwähnten mittelalterlichen Prophezeiung zugeschrieben?

 

  1. Wie hieß das Kolosseum ursprünglich? Warum? Weshalb wurde es später Kolosseum genannt?

 

  1. Welches Bauwerk befand sich hier vor dem Bau des Kolosseums? Welchen Zweck verfolgte der Bauherr mit dem Neubau an dieser Stelle? Woher stammten die finanziellen Mittel für den Bau?

 

  1. Richtig oder falsch? Kreuzen Sie in Gedanken an!

 

stimmt stimmt nicht nicht erwähnt
1. Die Außenmaße des Kolosseums betragen 188m in der Länge und 156 m in der Breite. Die Maße der Arena sind 86m in der Länge und 54m in der Breite.
2. Wahrscheinlich hatten ungefähr so viele Zuschauer Platz wie im Grünwalder Stadion.
3. Beim Bau wurden 250.000 m3 Beton, 300 Tonnen Eisenklammern und 3 km Wasserrohre verwendet.
4. Das Kolosseum konnte nach nicht einmal 10 Jahren Bauzeit eingeweiht werden.

 

  1. Warum haben sich Robbie Williams und Manuel Neuer in den Vortrag verirrt?

 

Wie heißen die berühmten Fußballspieler auf Lateinisch? Ergänzen Sie! Hier die nötigen Buchstaben (Sie sind nicht in der richtigen Reihenfolge!): b b s u o m   und    s a l f u s

Matso  _ _ _ _ _ _  und  Marius Deus_ _ _ _ _ _

 

Und zum Schluss: Was heißt „Partygirl“ in Latein? Wählen Sie aus!

pupa nocturna – pope nocturnal – papa mobile – Pippa bella

 

Bene eveniat! Viel Erfolg!

Ioannes Riegerosus

 

Nach kurzem Überfliegen der Aufgaben kann der lateinische Vortrag beginnen:

Hodie iam vidimus magnum monumentum Christianorum, vidimus ecclesiam pulcherrimam Sancti Clementis. Nunc videre volumus maximum monumentum Romanorum antiquorum, videre volumus illum monumentum omnibus hominibus notissimum, quod – ut bene scitis – a nobis Colosseum nominatur. Imago Colossei etiam in moneta Itala 5 centesimorum videri potest!

In oratione mea de sex rebus vobis dicam:

1     primo de praedictione quadam (lingua nostra: Prophezeiung) medii aevi,

2     deinde de nomine huius monumenti,

3     tum de constructione et aedificatione tempore imperatorum Romanorum facta,

4     tum de numeris, de magnitudine, de mensuris aedificii,

5     tum de usu monumenti, ad quem finem aedificatum sit,

6     postremo – non lingua Latina, sed lingua nostra! – de ulteriore fortuna, de historia recentiore vobis narrabo et de usu hodierno.

Bene! Estisne cuncti parati ad audiendum? Ergo animos attendite, audite, auscultate pauca verba! Incipiamus!

1

Initium narrandi faciam, ut dixi, a praedictione, quae in medio aevo a viro ignoto, a viro anonymo facta est.

Ecce praedictionem:

Quamdiu stat Colisaeus, stat et Roma;

quando cadet Colisaeus, cadet et Roma;

quando cadet Roma, cadet et mundus.

Quid significat haec praedictio?

Homines medii aevi, ut videtur, Colosseum imaginem, signum, symbolum esse putabant, symbolum stabilitatis et perpetuitatis urbis Romae et mundi, symbolum quasi aeternitatis, symbolum Romae aeternae. Nos hodie videre possumus Colosseum nondum cecidisse, Romam semper stare et mundum adhuc exsistere.

2

Veniam nunc ad nomen huius aedificii.

Colosseum non semper Colosseum appellatum est. Temporibus antiquis, initio, Amphitheatrum Flavium ei nomen fuit. Cur? Is, qui aedificium aedificari iussit, fuit imperator Vespasianus. Et Vespasianus a familia Flaviorum natus erat. Sic aedificio nomen familiae suae dedit. Sed populus Romanus mox aliud nomen adhibere coepit. Homines, cum ad spectacula Amphitheatri Flavii ibant, dicere solebant: „Eamus ad amphitheatrum, quod prope colossum Neronis est!“ Nam ante amphitheatrum statua ingentissima, altissima imperatoris Neronis, id est verus colossus ex aere factus, stetit. Sic spectatores amphitheatri mox dicebant: „Eamus ad Colosseum!“

3

Bene! Pergamus ad tertiam partem!

Dicam de origine Colossei, de constructione et aedificatione huius monumenti.

Nero his in locis domum regiam immensam habere voluit. Itaque totam regionem, ubi imprimis homines pauperes habitabant, destrui, deleri iussit. Et sic illa domus aurea aedificata est ad usum solius Neronis, monumentum superbiae et arrogantiae istius imperatoris. Ista domus ingentissima, quasi urbs in urbe fuit. Nerone mortuo Vespasianus imperator factus est. Et is constituit, ut haec loca omnia populo Romano redderentur. Hoc modo Vespasianus imperator populo carissimus, imperator valde popularis fuit.  Vespasianus igitur amphitheatrum, quod in imperio Romano longe maximum erat, populo Romano, civibus Romanis aedificavit, ut spectaculis se delectarent. Colosseum aedificatum est cum manubiis, cum pecuniis, quas filius Vespasiani, Titus, e Hierosolyma Romam apportaverat post bellum contra Iudaeos factum. Ita natum est hoc monumentum ingentissimae magnitudinis.

4

Venio ad meam partem quartam, ad numeros, ad mensuras.

Altitudo: 52 metra (4 tabulata)

Longitudo: 188 metra

Latitudo: 156 metra

Comparemus Colosseum cum stadio societatis pedilusoriae Bayern München: 120/83

Arena est longa 86 metra, lata 54 (stadium Bayern München: 105/68)

Spectatores: circiter 50.000 (vel fortasse 73.000)

Materia ad aedificandum necessaria:

250.000 m3 (cubica metra): opus caementicium (Beton)

1 milio: lateres (Ziegelsteine)

300.000 t: lapis Tiburtinus (Travertin)

300 t: ferrum (Eisenklammern)

3000 m: tubi (Wasserrohre)

5

Iam pervenimus ad paenultimam partem, ad usum Colossei.

Quid Romani fecerunt in Colosseo? Quae spectacula spectaverunt? Romani, ut omnes scitis, hic spectacula, munera gladiatoria spectaverunt. Sic tempus liberum, otium iucundissime consumebant ludis gladiatoriis gaudentes. Gladiatores optimi antiquis temporibus viri praeclari et omnibus noti fuerunt, fuerunt „stellae“. Eos comparare possumus cum nostris celeberrimis viris et feminis, quos publice videre licet: cum actoribus et actricibus (velut cum Brado Pitto vel cum Penelopa Cruce), cum cantoribus et cantricibus (velut cum Robino Guglielmo vel cum Jennifera Lopeza), cum pedilusoribus (velut cum Manuelo Noviore vel cum Mario Deofalso vel cum Thomasio Molitore vel cum Matsone Bombo). Etiam puellae gladiatores adorabant et admirabantur. Inscriptiones nobis traditae sunt, quae maximum gaudium exprimunt. Exempli gratia:

Crescens puellarum dominus (Crescens, der Maker der Mädels)

Celadus suspirium puellarum (Celadus, der die Mädels zum Stöhnen bringt)

Celadus puparum nocturnarum dominus (Celadus, der Herr über die Nachtpuppen, also die Partygirls)

Satis superque est! Hic et nunc finem faciamus orationis lingua Latina habitae! Ad linguam nostram redeamus!

Nachdem wir alles Wissenswerte und Interessante besprochen haben, genießen wir die Ausblicke, die sich uns auf den Konstantinsbogen, auf den Palatin und auf das Forum Romanum bieten, und die nachgestellten Kämpfe von Gladiatorinnen, in die sich einige Referendarinnen verwandelt haben. Dann geht es nach einem intensiven Vormittag zum pranzo in die Trattoria Luzzi, wo man nach all den Jahren immer noch einfach, gut und, in Anbetracht der Gegend eigentlich kaum fassbar, sehr günstig essen kann. Donnerstags ist Gnocchi-Tag. Sie schmecken wieder ausgezeichnet. Wer will, der bekommt aus einer Schüssel, die herumgetragen wird, Parmesan darüber gestreut, in großzügigen Mengen. Ganz kurz kommt es zwischendurch zu einer kleinen Verstimmung, als Giorgia, die hier schon immer arbeitet, in ihrer römisch offenen Art und ihrem besonderen Humor beim Aufnehmen der Bestellung zu einer Referendarin in Anspielung auf deren Haare sagt: „Was darf’s für dich sein, Blondie?“ Mir geht es übrigens, sprachlich gesehen, auch nicht viel anders, ich habe mich aber schon längst daran gewöhnt. Obwohl ich mir große Mühe gebe, immer nett zu den Leuten des Lokals zu sein, und dabei immer Italienisch rede, wird mir die Rechnung immer überreicht mit den Worten: „Ecco, Mister!“ Da kann man nichts machen. So ist es in Rom eben auch manchmal. Ich vermute, dass sich viele der in der Gastronomie Tätigen so sehr an den Touristensprech gewöhnt haben, dass sie nicht mehr anders können, wahrscheinlich nicht einmal bei Einheimischen. Und noch etwas ist heute schade: Die angebrachte Zurückhaltung beim vino della casa. Normalerweise ist der Donnerstagnachmittag frei. Heute aber müssen noch Forum Romanum und Palatin bewältigt werden. Das geht morgen nicht, wie eigentlich im Programm vorgesehen. Morgen kommt ja die Sintflut… Wir machen uns wieder auf den Weg, über die Via dei Fori Imperiali Richtung Forum Romanum. Wir haben nur eine Stunde Zeit bis zur Schließung. Das macht aber nichts, im Gegenteil: Ich sage nur das Nötigste – das ist nach diesem Tag für alle genau das, was genügt – und ich erweise kurz Ovid, der vor 2000 Jahren in der Verbannung starb, die gebührende Ehre, indem ich etwas tue, das ich bei meinem ersten Rombesuch mit einem Gesamtseminar ausführlich, seither aber nie mehr gemacht habe. Ich erzähle das im ersten Gedicht seines dritten Tristienbuches Geschilderte nach, wie nämlich Ovid eben dieses am Schwarzen Meer verfasste Buch hier in Rom den Weg vom Argiletum über das Forum hinauf zur Bibliothek beim Tempel des Apollo auf dem Palatin zurücklegen lässt. Diesen Weg nehmen auch wir und so schauen wir zum Schluss von der großen Aussichtsterrasse hinunter auf den Nabel der antiken Welt und über die Dächer der grandiosen Ewigen Stadt hinweg. In diesem Moment sind uns die Wettervorhersagen, die für morgen alle das Gleiche behaupten, egal. Wir fühlen uns auch heute wieder reich beschenkt von Rom.

 

© Johannes Rieger